Die digitale Gesellschaft im Fokus: Stimmen zur re:publica 2012 #rp12

Auch in diesem Jahr versammelten sich anlässlich der re:publica in Berlin (2. bis 4. Mai 2012) Tausende von Teilnehmern auf der größten deutschen Internet-Konferenz. Angesichts der weitreichenden Berichterstattung und Live-Streams auf Spiegel Online, über den auch ferngebliebene Interessierte an ihren Arbeitsplätzen in Unternehmen oder Zuhause das Event-Programm verfolgen konnten, möchten wir konsequent und zeitgemäß das Prinzip des Teilens einsetzen und haben interessierte #rp12 Teilnehmer nach ihrer Meinung gefragt, wie sie die Konferenz, deren Besucher und den vermittelten Stand der Gesellschaft im digitalen Zeitalter empfunden haben.

– Marcel Meder ist Social Media Manager des RAABE Verlag in Stuttgart. Er beschreibt seine Premiere als Teilnehmer der re:publica 2012 so:

Am besten gefallen hat mir eine Veranstaltung abseits von re:learn: „Mächtiger als Merkel: Wie Brettspielentwickler Gesetze machen (würden)“, von Marcel-André Casasola Merkle. Der Vortrag war gut aufgebaut, interessant, zudem witzig und mit einer anschaulichen Präsentation ausgestattet. Der Vortragende hat eigentlich keine Vorschläge gemacht, wie er Gesetze verfassen würde. Er hat die Entwicklung von Gesetzen und die von Regelsystemen in Spielen verglichen. Er arbeitete die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede beider heraus und hat die Arbeitsweise des Spieleentwicklers auf die Arbeit der Legislative angewandt. Sein Ansatz lief darauf hinaus, dass der Spieler bzw. der Bürger dazu animiert und motiviert werden soll, seine guten Eigenschaften freiwillig ins Spiel bzw. in das gesellschaftliche Zusammenleben einzubringen, also nicht aus Angst vor Bestrafung oder aus Befriedigung durch Belohnung, die beide im Ergebnis unzulänglich seien  und nur kurzfristig oder gar nicht funktionieren. Den Abschluss bildeten die „Mauern“, also die Momente, die eine kreative Gesetzgebung verhindern:

1. Ungerechtigkeit: gefühlte vs. objektive Gerechtigkeit
2. Willkür: Leistungsethik, die die Willkür (MM: Kontingenz) negiert
3. Überforderung: ein Gesetz muss funktionieren, auch wenn ein Regeldetail von vielen nicht beachtet wird
4. Verkrustung & 5.Ohnmacht: Monopoly vs. Siedler von Catan – der Handlungsspielraum der Akteure muss immer derselbe bleiben und muss von einem Gewinn- oder Belohnungssystem getrennt bleiben
[der letzte Punkt ist etwas unscharf, der Verweis auf M. vs. SvC trifft es aber: bei M. ist ein Spieler irgendwann dermaßen im Vorteil, sodass diese „Verkrustung“ die anderen Spieler nur noch relativ lange „ohnmächtig“ zuschauen lässt.]

Insgesamt fand ich es (als Neuer) schwer bei der Fülle des Angebots, das Richtige/Passende zu finden, auch wenn ich während eines Vortrages wechseln konnte, sobald ich das Gefühl hatte, ich habe die falsche Veranstaltung gewählt. Die Titel waren außerdem nicht immer gut gewählt, sodass man sich die Vorschau vieler Veranstaltungen im Detail hätte anschauen müssen, um die passende zu erwischen. Die Kategorie re:learn gab leider weder einen Hinweis auf die Qualität noch war für mich als Redakteur aus dem Schulmaterialbereich alles interessant. Die Tatsache, dass es den „Track“ gab, fand ich aber sehr sinnvoll, da er die gesellschaftliche Relevanz des Zusammenspiels von Bildung und digitalen Medien abbildet. Die gesamte Veranstaltung empfand ich als sehr gelungen, die Preise (Verpflegung) i.O., den fahrenden Zasterautomaten eine witzige und nützliche Ergänzung.

Für die #rp13  würde ich mir einen Ausbau des Tracks re:learn wünschen. Ein funktionierendes W-Lan und vielleicht ein paar Veranstaltungen , die weniger frontal, sondern mehr „social“ sind, also stärker den Raum für Kooperations- und Diskussionsmöglichkeiten bieten [etwas unkonkret, ich weiß, aber konkretere Ideen habe ich im Moment nicht]. Außerdem vielleicht eher eine Aufteilung in „Einsteiger“ und „Fortgeschrittene“ o.ä., wobei letztere dann auch tatsächlich die Vertiefung  eines Themas anbieten müssten, die mir an mancher Stelle gefehlt hat.

Meike Leopold bloggte als Social Media Managerin bei NTT Data aus München bereits während des Events – sie brachte ihre Eindrücke auf den Punkt:

Ich fand den Vortrag von Eben Moglen auch nach 3 Tagen noch herausragend. Und ich habe mich gefragt, warum nicht eine Session möglich wäre, die das Thema Blogs erweitert auf Corporate Blogs bzw. das Verhältnis unabhängiger Blogs und Corporate Blogs zueinander. Zumal Sascha Lobo das Blog als Medium ja besonders herausgehoben hat. 

Ragnar Heil ist studierter Soziologe und für Microsoft Deutschland tätig. In seinem Blog schreibt er über den Besuch der re:publica 2012: die flauschige Klassenfahrt #rp12 –

…ich möchte in Worte fassen, was mich an dieser größten und wichtigsten Konferenz der deutschsprachigen Netzgemeinde so fasziniert:
Vorausgehen möchte ich mit einem riesig dicken Lob an die Organisatoren Tanja & Johnny Haeusler, Markus Beckedahl, Clemens Lerche und Andreas Gebhard. Sie war wahrlich perfekt und die neue Location in einen alten Postcenter am Gleisdreieck in Berlin gut gewählt (…)
Es ist riesiges Zusammentreffen von Leuten, die untereinander hochgradig effektiv und intensiv vernetzt sind. Man erlebt sich also an einem fremden neuen Ort gemeinsam, was das Zusammengehörigkeitsgefühl intensiviert. (…)
Ständig sah man, wie sich Menschen umarmten, küssten, flauschten. (…)
Dieser Flauschangriff hat jedoch auch zur Folge, dass die #rp12 nicht besonders bissig war. Der Flausch überdeckte etwas. Es wurde auch in den Vorträge so gut wie nicht provoziert, wenig Innovatives, Visionäres oder ungewöhnlich Gesellschaftskritisches präsentiert. Der Glaser/Dueck/Kruse-Vortrag fehlte. Vieles kam bekannt und oft gehört vor.

Maryam Gieleky betreute als Ansprechpartnerin den Stand der Deutsche Post DHL als einem der Partner der Veranstaltung. Sie nahm diese Eindrücke aus Berlin mit:

Ich war das erste Mal auf der re:publica und bin sehr begeistert.
Das Besondere für mich waren die Gespräche mit den anderen, mir zunächst unbekannten Messebesuchern. Diese waren sehr vielfältig, von Studenten der Philosophie, die über die Zukunft der Welt sprachen, bis zu Beratern, die das Leben effizienter gestalten wollen. Was alle vereinte, war das Interesse nicht nur an Themen rund um das Internet, sondern an verschiedensten, gesellschaftlich relevanten Themen. Ich mochte dieses junge, unkomplizierte Ambiente. Die Session mit Regierungssprecher Steffen Seibert hat mich sehr inspiriert. Er machte deutlich, dass er das Twittern als einen ergänzenden Kommunikationskanal nutzt um mit der Öffentlichkeit in Dialog zu treten. Dabei war sein Auftritt symphatisch, souverän und authentisch.
Gesamtfazit: re:publica ist erlebenswert.

Jan Westerbarkey ist Geschäftsführer von Westaflex in Gütersloh und u.a. Co-Organisator des BarCampOWL. – Seine ganz persönlichen rp12 Impressionen fasste Jan so zusammen:

Ich bin froh, bereits im November letzten Jahres mein 3-Tages-Ticket für die diesjährige re:publica gekauft zu haben. Dazu muss man wissen, dass die vorherigen Veranstaltungen durch zu kleine Raum-Kontingente und stetige Überfüllung gekennzeichnet waren. Gleichzeitig brach regelmäßig das Mobilfunk-Netz zusammen, so dass der menschliche Kontakt, wenn man schon nicht mehr in die überfüllten Räume eingelassen wurde, das eigentliche Highlight war. Mit der neuen Lokalität verliert sich die räumliche Enge, eine zentrale grosse Meeting-Plaza mit Restaurant bot noch mehr Gelegenheit zu tollen Gesprächen. Zusätzlich war eine offene Bartheke im Hof vor dem Einlass aufgebaut – Kontakt- und Flirtfläche in einem.
Diesmal waren die Vortragsthemen und simultan stattfindenden Events so umfangreich, dass auch ich einige Referenten erst später im Video-Mitschnitt hören konnte. Es gab einige Inhalts-ähnliche Vortragsstränge, so dass die Wege zu den Hörräumen nicht zu weit waren. Sehr angenehm habe ich die Mischung der Aussteller empfunden, sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis der Speisen und Getränke. Ein bisschen Barcamp-Niveau war noch beim nicht funktionierenden WLan und den sanitären Anlagen auszumachen.
Der grosse Gewinn der Veranstaltung, liegt für mich in den überraschend tiefgründigen Vortragsthemen, dener der Vortragstitel in kreinster Weise entsprach. Natürlich gab es auch Enttäuschungen, in denen ich mir seitens der Referenten weit mehr Erkenntnis-Zuwachs erwartet hätte. Insgesamt überwiegt allerdings der Wissensgewinn und die Alltags-Tauglichkeit der gehörten Fallbeispiele und Checklisten.
So bin ich mir sicher, auch im kommenden Jahr dabei sein zu wollen, zumal eine derartige Wissens- und Referenten-Dichte wohl nur in der Bundeshauptstadt möglich ist. In diesem Kontext habe ich mich über den Auftritt des Regierungssprechers gefreut, was darauf hoffen lässt, dass nicht nur die Piraten-Partei Neue-Medien-Kompetenz für sich beansprucht. Erste Anregungen von PR-Beratern im beruflichen Umfeld sind bereits umgesetzt; ich will ja nicht allein so aufgeschlaut sein…


 

*) Disclaimer: Der RAABE-Verlag ist Kunde von mindrockets.

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