99 Köpfe des Social Web: Thomas H. Kaspar, CHIP Xonio Online

Diesmal haben wir für unsere kleine Reihe mit Thomas H. Kaspar gesprochen. Er war der erste Community Manager im Rang eines Chefredakteurs und baute für CHIP Online eine Special Interest Community auf. Ergebnis: im Monat 2 Millionen registrierte User und rund 6 Mio uniquen Usern als Leser. Seit kurzem hat Thomas den nächsten seltsamen und in Deutschland wohl einzigartigen Titel: Chief User Officer von Chip Online. „Get in front of the users“ ist sein Thema, die Bereiche User Experience Design und Social Media liegen in seiner Verantwortung. Dazu passend baut er gerade ein User-Testlab auf…

Servus, Thomas! Was geht besser offline – wovon raten Sie dringend ab, über Angebote und Möglichkeiten im sozialen Netz zu tun?
Ich bin innerlich Cyberpunk, ich rate von gar nichts ab. Aber: Es hilft, alles auch analog zu kennen, damit man einen Vergleichsmaßstab entwickeln kann. Echte Freiheit besteht darin zu wissen, was man tut.

Wie sind Sie zum Social Web gekommen: Gibt es ein Schlüsselerlebnis?
Das Social Web hieß für uns damals Mailbox-Szene. Ich hatte 1983 meinen ersten Commodore PET und habe ihn mit einem Akkustik-Koppler an das Telefon angeschlossen und habe Telefonnummern angewählt, die man irgendwoher bekommen hat. Der Spirit: Man konnte genauso viel herunterladen, wie man hochgeladen hat. Das hat mich geprägt. Mein Schlüsselerlebnis war aber die Tätigkeit als Mailbox-Administrator für die Greenpeace-Gruppe in Passau, wo wir Land-Eier über das Tübinger GAIA-Netz mit der ganzen Welt vernetzt waren. So konnte ich in einem halben Tag Briefings für TV-Interviews, Pressekampagnen und vieles mehr ziehen und wir koordinierten Kampagnen wie die Besetzung der Shell-Tankstellen. Das war eine sehr tiefe Erfahrung, dass man Social Media für mehr nutzen kann als Games und Pornos zu tauschen.

Was ist die Grundvoraussetzung, um am Leben im digitalen Raum teilnehmen zu können?
Meine Frau und ich haben unsere drei Jungs (12, 8, 7 Jahre) ziemlich systematisch ans digitale Leben herangeführt. Ich glaube das kann man ganz gut als Wert auf alle übertragen: Entscheidend war für uns, dass sie eine gewisse Achtsamkeit für das entwickeln, was da passiert. Beobachter sind und nicht Beobachtete, Aktiver und nicht Getriebener. Jeder digitale Bürger sollte jederzeit auf den Hügel steigen können und sich anschauen, was da mit ihm und seinen Daten passiert, dann kann er sich übrigens auch mal fallenlassen. Dazu benötigt er eine gewisse Web-Kompetenz, also Wissen und Erfahrung, und eine Rahmen, der ihm das auch technisch ermöglicht.

Was braucht es – neben technischen Voraussetzungen – für gute Social Media, die für Marken, Produkte, Unternehmen, Organisationen gegenüber Privatpersonen eingesetzt wird?
Authentizität und Transparenz sind die beiden Schlüsselwerte. Social Media funktioniert immer dann gut, wenn die Geschichte genau passt – für die Nutzer, aber auch für die Mitarbeiter im Unternehmen. Wenn irgendwas hakt, weil zum Beispiel eine Agentur nur drangeflanscht wurde, der Community Manager miese Produkte ausbaden soll, Informationen vertuscht werden, wird es nicht funktionieren. Transparenz ist fast schon trivial angesichts der Beschleunigung von Kommunikation in vernetzten Systemen. Intransparenz wird exponentiell wachsend bestraft.

Wunschvorstellung: Gesetzt, Sie könnten einen Tag lang über die Schulter schauen oder zusammenarbeiten – mit wem?
Richard Branson.

Wie viel arbeiten Sie?
Nicht so viel. Ich stehe jeden Tag, auch am Wochenende sehr früh auf und gehe spät ins Bett. Dazwischen treffe ich Leute und rede mit ihnen. Und bin im Web und treffe Leute und rede mit ihnen. Ich bekomme sogar Geld dafür, das nennt man wohl dann Arbeit.

Ich lese also bin ich: Gibt es zudem ein (Fach-)Buch, was Ihnen zuletzt gut gefallen hat?
Jurgen Appelo: Management 3.0 / Alan Cooper: About Face 3 / Shunryu Suzuki: Zen Mind Beginner’s Mind / Dave Gray , Sunni Brown , James Macanufo: Gamestorming

[– Das Video dazu:]

Welcher Film hat Sie am meisten geprägt?
Es ist soooo kitschig: Star Wars. Ich hatte den (heute) vierten Teil gesehen und dann für einen Krankenhausaufenthalt die Cassette (sic!) geschenkt bekommen. Ich kann jedes Wort auswendig.

Was macht Sie glücklich?
Menschen. Sich entwickeln zu dürfen. Menschen. Andere zu entwickeln. Menschen.

Was ist das größte Problem in Deutschland?
Das Denken in Risiken und nicht in Chancen. Social Media ist ein Paradebeispiel dafür. Statt dass wir erkennen, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach einer neuen Art der Kommunikation haben und ihnen die genialsten Angebote dafür zu machen, überlegen wir, wie wir das verbieten und mit Strafen belegen können.  Nochmal: Hirnloses Einsetzen aller Techniken ist der falsche Weg, aber Aufbruch, just do it, loslegen, mal was riskieren und ausprobieren ist auch sehr befriedigend.

Was war Deine weiteste Reise bisher?
Äußerlich: Am Rande einer Dienstreise habe ich Indien mit dem Zug von Neu Delhi nach Mumbai durchfahren. Innerlich: Zu mir selbst – ich bin noch unterwegs.

Wenn Sie eine Sache an der Welt, wie sie jetzt ist, ändern könnten – was wäre das?
Empathie würde helfen. Wenn jeder von uns in der Lage wäre gewaltfrei zu kommunizieren, könnten wir eine Menge liberale Lebensmuster behalten und uns dennoch friedlich weiterentwickeln.

Wo auf der Welt würden Sie gern leben, wenn Sie die Wahl hätten?
Eine unbeantwortbare Frage, da ich mich nahezu in jeden Ort, den ich bereise, in all die Menschen, die ich dort treffe, verliebe. Also lebe ich dort am liebsten, wo meine Frau ihren Schwerpunkt legt. Denn mit der lebe ich nun wirklich gerne zusammen.

Was ist der nächste große Trend im Internet, besonders in sozialen Netzen?
Wir erleben verschiedene Verlagerungen: Vom Besitz ganzer Pakete zum Update in kleine Rationen, vom Kauf zum Streaming, vom Meins zum Sharing, vom lokalen PC zum webbasierten Dienst, vom bewussten Downloaden zum App-Store-Prozess im Hintergrund, vom Desktop zum Browser, vom Ich zur Relation mit anderen. Damit wird Orientierung eine andere, immer noch zentrale Wichtigkeit erhalten. Das Vermitteln selbst wird wertvoll, die Gatekeeper-Rolle wird sich aber fundamental verändern. Wer den Access kontrolliert, also den Zugang zu einer webbasierten Welt mit einem Login, der alle Relationen organisiert, der hat einen großen Hebel in der Hand.

Wovon träumen Sie, es in 10 Jahren zu machen?
Einatmen. Ausatmen. Hier. Jetzt.

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