Medienwettlauf um den Leser 2.0 ist gestartet

Die Fronten scheinen aufzuweichen, mitunter sogar bei traditionsreichen Verlagen, die Leitmedien anbieten. Momentan werden komplette Portale für die Schlacht um den Leser 2.0 umgebaut: Bild, Spiegel, Welt sind bereits mit einem kräftigen Social Media-Anstrich versehen. Und Twitter nutzen sowieso fast alle – in unterschiedlicher Ausprägung und differenziertem Verständnis, siehe  Schlagzeilen-Verbreitung per automatischem Bot entgegen einem inhaltlich geprägten Blog-/Dialog-Angebot, wie dem der Rhein-Zeitung.

Dabei haben zuletzt ausgerechnet zwei organisiert aufgestellte Web Nachrichten-Angebote die Segel gestrichen – wenn auch vielleicht nicht ganz unerwartet:  Unter die Räder kam der ambionierte zoomer, immerhin gepusht durch Unterstützung von Ulrich Wickert, eines Granden des deutschen Journalismus, der immerhin selbst eine Art Weblog 1.0 hat. Zuletzt kam das Aus für die – redaktionell gestalteten Anteile der – Netzeitung. Doch womögliche Alternativen im Grenzfeld zwischen Print und Web nehmen bereits die – überraschend leeren – Startplätze im künftigen Rennen um Leserschaften, Reichweiten ein. Unter den frischen Debütanten ist Niiu [Update 24.08.2016: Newscase], die weltweit erste personalisierte Tageszeitung, die ab kommenden Montag ausgeliefert wird. Individualisierung und Personalisierung von Medienangeboten bringen die Komponente lokaler Informationen durchaus wieder ins Spiel. Dem gegenüber stehen Entscheidungen, wie die von Bild, ihre noch recht jungen Angebote redaktioneller Regionalberichterstattung wieder zusammenzustreichen.

Inzwischen werden deutsche Verlagsmanager auch auf großer Bühne mit längst herrschenden Realitäten konfrontiert: Zuletzt live und in Farbe durch Arianna Huffington auf dem Monaco Media Forum sowie durch den renommierten amerikanischen Journalistikprofessor Jeff Jarvis, der im Nachgang zu den diesjährigen Medientage München – mit überkommen gestriger Themenauswahl und müden Diskussionsrunden – in sein Weblog BuzzMachine schreibt:

I see companies resisting the new reality of the internet age by trying to preserve the old rules of their old industry. (…) If you are trying to protect old jobs in old structures of old companies in old industries, then you might see my vision of the future as a threat. But if you embrace change and innovation, then you will see opportunities to reimagine and remake journalism, to find new ways to gather and share news collaboratively, supported by new revenue, reaching profitability thanks to new efficiencies.

(…) I am running the New Business Models for News Project, envisioning a profitable future for news if regional newspapers covering cities die. Though national news brands—whether this publication or the Guardian or The New York Times—have a future, regional newspapers across America and Europe are in trouble and some will die. Yet I am confident that journalism in those cities will not die, because there is a market demand for news, which we believe the market can meet. We believe that news will emerge from ecosystems made up of many players—journalists, citizen journalists, citizen salespeople, volunteers, technologists—operating under different motives and means.

– Das Posting ist in deutscher Sprache veröffentlicht  in der Welt Online
unter dem Titel „Was die Zeitungsverlage von Google lernen können„.

Dabei ist es nicht nur die nachwachsende Generation jüngerer Konsumenten, welche von Anfang an Social Media für Austausch, Dialog – und Information verwendet und sowohl im Umgang mit mobilen Geräten als auch Web 2.0 Medienangeboten geübt ist. Besonders zur Aggregation von Infos und Meinungen aus Blogs, Microblogging, sozialen Netzwerken und Video-Plattformen werden immer neue und vielseitigere Tools bevorzugt. In dem Zusammenhang zitiert Gunnar Sohn in seinem Weblog Stefan Münker, ZDF-Redakteur für Kultur und Wissenschaft, zugleich Medienphilosoph an der Uni Basel, aus dessen „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0„:

Es wird die traditionellen Massenmedien, zu denen heutige Jugendliche als künftige Erwachsene finden sollen, wenn die gegenwärtige Umbruchsituation vorbei ist, schlicht nicht mehr geben; zumindest nicht so, wie wir sie kennen.“

Und tatsächlich: Allmählich entdecken Leser, Nutzer, Zuschauer aus technisch konservativeren Zielgruppen die Möglichkeiten des Web 2.0, obwohl sie doch bisher das Gros der Nutzer von Tageszeitungen, Angeboten des dialogarmen Web 1.0 und des Programm-Fernsehens bildeten.

Es beginnt also ein ganz neues Rennen um die Gunst der Medienkonsumente, deren Rolle sich in Zukunft weiter definieren wird. Dies kann von aktiver Dialog-Teilnahme, sei es auch nur im Microblogging-Bereich, über relevanten Content-Lieferanten in kollaborativen Netzwerken reichen – bis hin zu investigativen Citizen Journalists, mit profitablen Möglichkeiten am Nachrichten-Geschäft mitzuwirken.

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